Müßte die Bevölkerungsimplosion in Europa nicht die USA beunruhigen?

Die Vielschichtigkeit der demographischen Fragen je nachdem, ob es sich um die Dritte Welt oder um Europa handelt, schlägt sich in der Zwiespältigkeit der Beziehungen zwischen Europa und Amerika nieder.

a) Die Vereinigten Staaten und generell die angelsächsische Weit waren Pioniere im Bereich von Empfängnisverhütung, Sterilisierung und Abtreibung. Die großen malthusianischen und neomalthusianischen Thesen werden weiterhin von Zentren in den USA oder England aus propagiert. Diese Länder wollen Europa mit dem Gespenst der "demographischen Sicherheit" gegenüber der Dritten Welt erschrecken, deren Expansion sie befürchten.

Diese Interessengemeinschaft veranlaßt Europa und die USA dazu, gemeinsam Front zu machen, um den demographischen Aufschwung der Dritten Welt zu bremsen, und sie zögern nicht, dazu die internationalen Organisationen vor ihren Karren zu spannen. Sie versuchen sogar, im neuen Gegensatz zwischen Norden und Süden das Bindemittel eines Zusammenhalts zu suchen, den ihnen der einstige Ost-West-Gegensatz nicht mehr beschert.

b) Doch jenseits dieser Interessengemeinschaft zeigt sich immer deutlicher, daß die um ihre Sicherheit bangenden USA unter allen Umständen das Auftauchen eines neuen Rivalen verhindern wollen.1

Die Dritte Welt ist als solche auf längere Sicht ein derartiger Rivale, der unbedingt niedergehalten werden muß. Nennen wir zwei Beispiele:

Noch beunruhigender sind jedoch die Machtansprüche, die Europa mit der EU anmeldet.

c) Man darf also mit Fug und Recht fragen, ob Europa nicht dabei ist, selbst seine Fähigkeit zur Mitwirkung an der Entwicklung der Dritten Welt zu zerstören. Indem es sich mit seinem Bevölkerungsniedergang abfindet, läßt es den USA freie Hand. Dabei hätte es durchaus den armen Ländern eine alternative Partnerschaftslösung anbieten können - wenn es nicht in die malthusianisch-materialistische Falle gegangen wäre.

d) Unter diesen Umständen haben die USA selbstverständlich allen Grund, über den Bevölkerungszusammenbruch Europas zu frohlocken. Dasselbe gilt für die Vergreisung Europas, die unweigerlich soziale Unruhe auslöst, sobald die Sozialpolitik, die Gesundheits- und Invalidenfürsorge und die Renten tangiert sind - was mittlerweile schon eingetreten ist

Unter dem Einfluß von (vielleicht subventionierten) Meinungsmachern hat sich die EU, die wie das Kaninchen vor der Schlange erstarrt, eiligst die neomalthusianische Ideologie des Rechtes auf Lust einverleibt, die in erster Linie aus den angelsächsischen Ländern herübergekommen ist. Das Interesse der USA lautet indes, daß Europa selbst dem malthusianischen Denken verfällt und das Wachstum seiner eigenen Bevölkerung aufs strengste eindämmt. Die USA dürfen sich also ins Fäustchen lachen, wenn sie sehen, wie sich die Europäer diese Thesen eiligst zu eigen machen! Es gibt kein besseres Beispiel für ideologische Kolonisierung...

e) Der Augenblick ist also gekommen, an dem sich Europa und die Dritte Welt an den Ausspruch Disraelis erinnern müssen: "Das britische Empire hat weder ewige Feinde noch ewige Freunde. Es hat nur ewige Interessen."

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  1. Diese Sorge eines "Prevent the Re-Emergence of a New Rival" tritt deutlich in einem 46seitigen Memorandum des Pentagons zutage, das die New York Times am 8. März 1992 vorgestellt hat und von Barton Gellman in der Washington Post vom 11. März 1992 unter dem Titel "Keeping the U.S. First. Pentagon Would Preclude a Rival Superpower" resümiert wurde.

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