Welche Folgen hat der Fruchtbarkeitseinbruch in den entwickelten Ländern?

Diese zahlreichen und vielfältigen Folgen sind schon heute absehbar. Ganz allgemein ist ein demographisches Ungleichgewicht zwischen dem überalterten Norden und dem jungen Süden kein gutes Omen für die Zukunft der menschlichen Gesellschaft. Der Bevölkerungszusammenbruch im Norden hatte mit Sicherheit eine allgemeine Schwächung der Schaffenskraft der Menschheit zur Folge.

Besonders hervorzuheben sind aber zwei Konsequenzen, die Europa und insbesondere Westeuropa betreffen:

a) Der Bevölkerungsschwund in Europa wird die nichteuropäischen Bevölkerungen erst recht zur Zuwanderung ermuntern, so sehr man sich auch bemühen mag, sie zum Verbleib in der Heimat zu bewegen. Das gilt insbesondere für das Verhältnis zwischen Europa und Maghreb. Im selben Maße, wie in Europa die arbeitsfähige Bevölkerung schrumpft, wird der Druck der jüngeren und fruchtbareren maghrebinischen Bevölkerung zunehmen, vor allem im romanischen Europa. Entweder ist sie in ihrem Herkunftsgebiet unterbeschäftigt, oder sie wird in die europäische Produktion eingegliedert. In beiden Fallen werden die Probleme noch schwerer in den Griff zu bekommen sein, denn die Erfahrung der neueren Vergangenheit zeigt, daß Europa keine besonderen Anstalten gemacht hat, die bereits auf seinem Territorium befindlichen maghrebinischen Arbeiter zu integrieren.

b) Eine weitere Konsequenz ist die Überalterung. Bei andauernder Unterfruchtbarkeit sind die nachfolgenden Generationen kleiner als ihre Elterngenerationen. Zunächst schrumpft die Alterspyramide an der Basis, dann steigt die Schrumpfung immer weiter in die erwachsenen Bevölkerungsschichten hinauf. Nach zwei Jahrzehnten Unterfruchtbarkeit gibt es noch verhältnismäßig nur wenige Betagte und zudem nur wenige Kinder und Jugendliche. Volkswirtschaftlich erscheint diese Lage sehr positiv, aber sie geht vorüber. Unausweichlich (außer im Falle massiver Zuwanderung) verschieben sich die Verhältnisse, so daß nach wenigen Jahrzehnten die Erwerbsbevölkerung - zunächst relativ, dann auch absolut - abnimmt, während die Zahl der Rentner unablässig steigt. Das Verhältnis zwischen den beiden Gruppen wird sich in Europa vor allem zwischen 2005 und 2025 rasant verschlechtern und sich in dreißig Jahren beinahe verdoppelt haben. So entstehen enorme Sozialkosten, die aktuellen Rentensysteme werden kaum mehr tragbar. Kapitalisierungsysteme verursachen ebenfalls schwer abzuschätzende Wirtschaftskrisen, sobald die zunächst angesparten Gelder in den Bereich der auszuzahlenden Pensionen gelangen und dadurch dem Immobilien- und Obligationenmarkt riesige Beträge entzogen werden. Auch innerhalb der aktiven Bevölkerung kommt es dann zur Überalterung, die die durchschnittliche Lohnmasse erhöht und die Laufbahnaussichten erschwert. Es wären noch viele weitere Nebeneffekte dieser Überalterung der Gesellschaft zu nennen. Alles in allem kann man sich die Überalterung kaum ohne tiefgreifende Verarmung der Volkswirtschaften vorstellen.

Als Folge der Überalterung läßt sich noch hinzufügen, daß die derzeitigen demographischen Aussichten zu den Hauptfaktoren der Arbeitslosigkeit gehören. Wenige neue Arbeitsplätze werden geschaffen, weil zu wenig investiert/renoviert wird. Es wird wenig investiert, weil der lebendige Markt der Zukunft fehlt. Der Markt der Zukunft wird gelähmt sein, weil die neuen Generationen zu wenige Menschen zählen. Hinzu kommt der Zerfall der Familie, der zur Folge hat, daß viel mehr Menschen Arbeit suchen (die viel zahlreicheren Alleinstehenden, die Geschiedenen usw.). Eine kleine Anmerkung sei erlaubt: In den USA mit ihrer höheren Fruchtbarkeit liegt die Arbeitslosigkeit derzeit sogar noch niedriger als in der Schweiz.

c) Die bei weitem schwerste Konsequenz ist jedoch eine ganz andere; sie wird zugleich von der Öffentlichkeit am wenigsten wahrgenommen. Es handelt sich, wie Pierre Chaunu seit Jahren schreibt, um die Erschöpfung des kulturellen und wissenschaftlichen Wissens und Könnens. Denn der Mensch ist letzten Endes der einzige Träger von Kultur und Wissen. Kultur, Wissenschaft, Moral, Religion - dies alles läßt sich nur über den Menschen weitertragen, der sie unablässig bereichert. Das Gedächtnis der Menschheit ist ein lebendiges, das heißt schöpferisches und erfinderisches Ganzes. Dieses Wissen ist jedoch nicht genetisch übertragbar, sondern jede Generation muß es sich von neuem aneignen. Schriften und "Monumente" bleiben tote Masse, wenn niemand sie befragt, konsultiert, in den Dialog mit ihnen eintritt und von ihnen ausgehend weiterschreitet. Die große Gefahr für Europa lautet, daß seine Kultur aus Mangel an Menschen verkümmert. Wenn der laufende und vielfältige Austausch zwischen einer zahlreichen und dichten Bevölkerung ausbleibt, dann geraten Kultur und Wissen in eine doppelte Todesgefahr - zunächst repetitive Stagnation, danach endgültiger Schiffbruch.

Schließlich wird die demographische Schwächung, vielleicht sogar der politische und wirtschaftliche Zusammenbruch Europas, die Dritte Welt in der Unterentwicklung belassen und/oder sie dem Belieben der Vereinigten Staaten anheimgeben.

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