Ist die "Kultur des Todes" ein Wesenszug unseres Jahrhunderts?

a) Im 20. Jahrhundert gab es Ideologien, die nacheinander im Staat, der "überlegenen Rasse" und der Partei den Inbegriff der Vernunft und des Rechtes erblickten, welche im "totalitären Staat", im "arischen Menschen" oder in der "Arbeiterklasse" das vorherrschende Element der Zivilisation sahen. Der Staat konnte beispielsweise "zu Recht" die totale Unterwerfung des einzelnen fordern, und es war "rechtens", daß sich die einzelnen total dem sie übersteigenden Staat unterordneten. Staat, Rasse oder Partei hatten darüber zu bestimmen, wer leben durfte und wer nicht, waren Herr über Leben und Tod. Die Nazi-Schergen trugen, gewissermaßen als Symbolkürzel ihres Programms, den Totenkopf auf der Uniform. Das Regime, dessen Instrument und zugleich Ausdruck sie waren, erwartete von ihnen, daß sie das eigene Leben ignorieren und es bedingungslos in den Dienst des Staates stellen, und daß sie auch das Leben anderer mißachten. Nicht anders handelten die Kollegen der sowjetischen Staatsdienste.

Die totalitären Ideologien, die den Staat, die Rasse und die Partei verherrlichten, hatten dies gemeinsam: Sie verlangten vom einzelnen, sich von jeder materiellen und geistigen Bindung und von jeder Bindung an eine Moral freizumachen. Sie standen jenseits von Gut und Böse, und der Dienst am Staat, der Rasse oder der Partei verlangte von jedem einzelnen die bedingungslose Hingabe bis zum Tode. Damit wurde die Hingabe des Lebens und die Tötung anderer zum geballten Ausdruck der souveränen Freiheit im Dienst der Sache des Staates, der Rasse oder der Partei.

So kurios das auch erscheinen mag: Diese Ideologien und die nachfolgend behandelte neoliberale Ideologie lassen sich anhand von Hegels Philosophie erklären. "Die vorbehaltlose Bejahung des Todes oder der Endlichkeit des menschlichen Bewußtseins ist die eigentliche Quelle des hegelianischen Denkens. […] Demnach taucht der Mensch erstmals in der natürlichen Welt dadurch auf, daß er in einem reinen Prestigekampf willentlich die Todesgefahr auf sich nimmt; indem er sich dem Tode beugt und ihn in seinem Diskurs offenbart, gelangt der Mensch endlich zum absoluten Wissen oder zur Weisheit und vollendet damit die Geschichte. Denn ausgehend vom Todesgedanken entwickelt Hegel seine Wissenschaft oder die 'absolute' Philosophie, die allein die Tatsache der Existenz eines begrenzten und seiner Begrenzung bewußten und manchmal über sich selbst bestimmenden Wesens philosophisch zu erklären vermag."1

b) In ihrer aktuellen Ausprägung wird die neoliberale Strömung nur verständlich, wenn man sie in den düsteren Zug der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts einreiht. Erklärt sie doch, die souveräne Freiheit des einzelnen liege im zügellosen Verbrauch, mithin der Möglichkeit der Verschwendung, die alles zerstören darf, ohne irgend jemandem Rechenschaft zu schulden. Verbrauchen und verschwenden ist ja ebenfalls eine Form der völligen Befreiung von jeglicher materieller, moralischer oder rechtlicher Bindung. Damit bekräftigt man die Souveränität des Ich.

Diese Bekräftigung der Souveränität des Ich bringt, wie wir sahen, den einzelnen dazu, über das Leben anderer bestimmen zu wollen. So verfüge ich über das Leben des Kindes oder des Behinderten oder des hilflosen Greises oder des Armen, wenn es mir unnütz ist. Umgekehrt erzeuge ich Kinder nur dann, wenn die Sozialkassen sonst zum Zeitpunkt meines Eintritts in den Ruhestand leer zu sein drohen. Ich lasse Arme nur dann zur Existenz zu, wenn ihr niedriger Lohn mir die Möglichkeit zum Verbrauch und zur Verschwendung beschafft. Kurzum: ich werfe mich zum Herrn über andere auf.

c) Allmählich nähern wir uns der Grenze dieser Entwicklung. Das Abgleiten der reichen westlichen Gesellschaft in die bürgerkriegsähnliche Aggression und den kollektiven Selbstmord zeigt das deutlich. Diese Gesellschaft will ihre souveräne Freiheit in zwei sich ergänzenden Formen betonen. Sie bricht die Brücken zur Vergangenheit ab, weil es an Menschen fehlt, die das Erbe von einst weiterzutragen fähig wären. Und sie zerstört ihre Zukunft, die zu bevölkern sie sich weigert und die sie völlig der Gegenwart opfert.

Der charakteristische Vertreter dieser Gesellschaft zerschlägt jegliche Solidarität, sowohl horizontal zwischen den zur selben Zeit Lebenden als auch vertikal zwischen den Generationen, unter dem Vorwand, sie seien für ihr Leben und ihren Tod einzig und allein sich selbst verantwortlich. Also stattet er sich mit Institutionen und "Rechten" aus, die dem dienen, was er als souveränen Ausdruck seiner Freiheit hinstellt: Die Freiheit zu töten und sogar sich selbst zu töten.

Georges Bataille, der insoweit noch über Sade hinausgeht, hat diesen Nihilismus so formuliert: "Das Leben war die Suche nach Lust, und die Lust verhielt sich proportional zur Vernichtung des Lebens. Mit anderen Worten: Das Leben erreichte seine höchste Dichte in der Verneinung seines eigenen Prinzips."2

d) Ein und dieselbe "Kultur des Todes" findet sich also nicht nur in den unheilvollen Regimes, die unser Jahrhundert erlebt hat, sondern auch in der Verbissenheit, mit der die Legalisierung der Abtreibung und die Euthanasie betrieben und die Massensterilisierung zur Selbstverständlichkeit gemacht wird. Gemeinsame Wurzel aller dieser Ausprägungsformen der "Kultur des Todes" ist der Nihilismus, der seinerseits auf dem Aufstand wider die Endlichkeit beruht. Die Menschen töten und töten sich selbst, weil sie die Erfüllung einer Jenseitssehnsucht für unmöglich halten, die doch in ihr Gemüt eingeprägt ist. Also glauben sie sich dieser Sehnsucht durch die im Tod gesuchte souveräne Lust entledigen zu können. Der so verstandene Tod ist jedoch in Wirklichkeit nur der höchste Ausdruck der Verzweiflung. Nach der neoliberalen Ideologie muß diese Verzweiflung auch den Armen eingeimpft werden, um sie unter der Knute halten zu können.

Gibt es auf der Welt, zumal für die Christen, eine edlere und schönere Aufgabe, als den Nachweis zu führen, warum es sich lohnt, sich für das Leben zu entschieden?

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  1. Alexandre Kojève, Introduction à la lecture d'Hegel, Paris, Ed. Gallimard, 1968, Abschnitt über den "Todesbegriff bei Hegel", S. 529-575.

  2. Geroges Bataille, L'érotisme, Paris, Ed. de Minuit, Paris 1957; zitiert nach Jeanne Parain-Vial, Tendances nouvelles de la philosophie, Ed. du Centurion, Paris 1978, S. 128f.

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