Inwieweit hat die von gewissen Paaren praktizierte Verhütung eine politische Dimension. Ist sie nicht reine Privatsache?

a) Politisch besorgniserregend ist, daß die radikale Trennung der Sexualität von der Fortpflanzung das Eingreifen eines Dritten - beispielsweise eines Arztes, gleichgültig, ob dieser im Auftrag handelt oder nicht - in die intimste interpersonale Beziehung zuläßt. Damit geht die Gefahr einher, daß die Kontrolle des Sexualverhaltens der Ehepartner, ihrer Fruchtbarkeit also, einer neuen Technokratenschicht oder dem Staat übertragen wird. Die Beispiele China und Vietnam sind nur allzu bekannt, aber kein Mensch denkt darüber nach. Insbesondere China1 geht so weit, Zeitscheren festzulegen, innerhalb derer die Frauen - ordnungsgemäß mit Fortpflanzungs~Erlaubnisscheinen ausgestattet - zur Niederkunft zugelassen werden. Die Weitergabe des Lebens muß dem allgemeinen Kalender der Volksproduktion gehorchen. Die Zahl der zugelassenen Geburten richtet sich nach variablen Quoten je nach Geschlecht, nach eugenischen Kriterien und diversen anderen Parametern, die von Technokraten erbarmungslos festgelegt werden.

Ebensowenig denkt man über andere, nicht minder beunruhigende Beispiele nach, so etwa über Brasilien oder Mexiko. Nach einer von der (alles andere als verdächtigen!) International Federation of Family Planning erwähnten Studie sind mittlerweile über 40 Prozent der fortpflanzungsfähigen brasilianischen Frauen sterilisiert.2 Ähnlich sieht es in Mexiko aus. Eine der namhaftesten mexikanischen Demographinnen hat festgestellt, daß dort allein im Jahre 1982 1.358.400 Frauen sterilisiert wurden.3 In einer höchst amtlichen Veröffentlichung offenbart die mexikanische Regierung die Daten für 1992. In diesem Jahr trugen von den Frauen, die Empfängnisverhütung praktizieren, 17,7 Prozent ein Intrauterinpessar und 43,3 Prozent waren sterilisiert.4

b) Unsere Gesellschaft erlebt zwei neue Formen der Entfremdung.

Es gibt viele elternlose Kinder und kinderlose Eltern. In mehreren lateinamerikanischen Ländern gibt es zahlreiche außereheliche Kinder (derselben Mutter, aber unterschiedlicher Väter). Da sie nicht in der liebevollen Umgebung einer Familie aufwachsen, werden sie kriminell, beispielsweise als Drogenhändler oder in der Prostitution. Hier haben wir das ganze Drama der Straßenkinder vor uns. Hier drängt sich eine Bemerkung auf: Wenn die außerehelichen Kinder Ausdruck eines signifikanten Aspekts der Bevölkerungsphänomene der Dritten Welt sind, dann gilt es dringend die Familie aufzuwerten.

Ist nun die Entfremdung der Kinder von ihren Eltern keineswegs selten, so kommt es zudem immer häufiger dazu, daß Ehepaare von der Verantwortung der natürlichen Folge ihres Verhaltens, nämlich der Fortpflanzung, entbunden werden. Hier haben wir eine Situation vor uns, die der von Marx gebrandmarkten diametral entgegengesetzt ist. Für ihn waren die proles (die Kinder der Proletarier) der einzige Reichtum des Proletariers, das einzige, was ihm blieb. Die von Marx beschriebenen Proletarier wurden dem Produkt ihrer Arbeit entfremdet, nicht aber ihren Kindern. Nun aber, im 21. Jahrhundert, droht das Umgekehrte einzutreten.

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  1. Vgl. hierzu John S. Aird, Foreign Assistance to Coercive Family Planning in China. Response to Recent Population Policy in China [by Terence Hull], Canberra 1992.
  2. Vgl. die von der Organisation in London veröffentliche Zeitschrift Open File, November-Dezember 1996, S. 16.
  3. Vgl. Maria-Eugenia Cosio-Zavala, Changements de fécondité au Mexique et politiques de population, Paris 1994, Tabelle IV.11, S. 151.
  4. Programa Nacional de Población, veröffentlicht vom "Poder Ejecutive Federal", Mexiko DF, 1995; s. dort Cuadro II, 5, S. 24.

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