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Machtmissbrauch

Irreführungen der Bioethik

HLI Info Magazin für Leben & Familie, nr. 1/2000

Die von mehreren Ländern Europas geführten Debatten über die Liberalisierung der Abtreibung haben eine politische und eine rechtliche Dimension zur Folge, die allgemein nicht ohne weiteres wahrgenommen worden ist und deren Tragweite viele immer noch nicht abschätzen.1

Man hätte glauben können, es handelte sich um die Erstellung eines Gesetzes zur Begrenzung und Präzisierung eines besonderen Problems. Als ob es sich darum gehandelt hätte, unter gewissen vom Gesetz her bestimmten Situationen "einfach" JA zur Abtreibung zu sagen.

Die mörderische Ausnahme

In Wirklichkeit werfen die Gesetze, die die Abtreibung liberalisieren, entscheidende die Rechtsgrundlage betreffende Fragen auf. Nehmen wir zum Beispiel das Gesetz Simone Veil, das seit 1975 die Abtreibung in Frankreich regelt. Im Artikel 1, dieses Gesetzes heißt es: "Das Gesetz garantiert die Achtung eines jeden Menschen vom Beginn seines Lebens an. Dieses Gesetz sollte nur im Notfall gemäß den im jetzigen Gesetz definierten Bedingungen angetastet werden." Der erste Satz dieses Artikels verkündet das Recht eines jeden Menschen auf Leben von Anfang an. Aber gleich im 2. Satz fügt der Gesetzgeber eine Abweichung von diesem gerade verkündeten universellen Prinzip ein.2

Abweichen heißt hier, den Weg für Ausnahmen öffnen: der Gesetzgeber beschließt die Umstände oder besondere Charakteristiken, die das Recht einräumen, das zuerst dargelegte universelle Prinzip anzutasten. Die Abweichung wird mörderisch. Es handelt sich darum, falls erforderlich der Abtreibung eines menschlichen Wesens zuzustimmen, dem man zuvor das Recht auf Leben zugebilligt hat.3 Diesem Recht werden Merkmale unterschoben, die es ermöglichen, das Recht auf Leben in Klammern zu setzen. Der Gesetzgeber belastet, d.h. er unterwirft das Recht auf Leben gewissen Bedingungen oder Merkmalen, die er im positiven Recht aufzählt und definiert. Das Recht auf Leben des noch nicht geborenen Menschens ist mit einem Wort gesagt einer aufschiebenden Bedingung unterworfen.4

Dieser Artikel hat eine Tragweite, die bei weitem die Abtreibungsfrage übersteigt. Er bringt den gefährlichen Charakter des radikalen Rechtspositivismus ans Tageslicht, der befindet, daß das Gesetz seine Quelle im Willen des Staates hat, und der Gesetzgeber diesen zum Ausdruck bringt. Wenn dieser Positivismus triumphiert, hört das Recht auf, ein Schutzwall gegen die Tyrannei zu sein; er wird im Gegenteil zu einer zweifelhaften Waffe, die nur dazu dient, die flagrantesten Machtmißbräuche zu vertuschen oder zu"rechtfertigen."5

Es ist übrigens pikant, dabei an Kelsen zu erinnern, Vater eines Rechtspositivismusses, den er überall ausgestreut hat und schließlich selbst als Opfer seines von ihm geschaffenen Systems endete. Als Jude mußte er im Eilschritt das III. Reich verlassen, um den Vernichtungen zu entgehen, zu deren Legitimation er selbst beigetragen hatte. Er schuf die Grundlagen, um das Recht dem Willen des Stärkeren zu unterwerfen. Noch schlimmer: von jetzt an konnte man sich nicht mehr auf das Recht berufen und noch weniger auf die Menschenrechte, um dem Ungestüm der aufkommenden Totalitarismen entgegenzuwirken. Der Aphorismus Bismarcks "Macht geht vor Recht" wurde auf die eine oder andere Weise reaktiviert.

Dieser Positivismus zieht daher politische Auswirkungen nach sich. Er höhlt die westliche demokratische Tradition in ihren Grundfesten aus, die von dem Einfluß der fundamentalen Menschenrechte bis zur Universalität des menschlichen Wesens lebt. Die Gesetze, die die Abtreibung liberalisieren und legalisieren, wie das Gesetz Veil oder wie andere ähnliche Gesetze, lassen die politische und die Rechtsphilosophie in ihren Fundamenten wanken, dank derer die westlichen demokratischen Gesellschaften gegen die wahnsinnigen Absolutismen oft erfolgreich angekämpft haben.

Derselbe Vorstoß taucht bei den eindringlichen Versuchen auf, die auf die Legalisierung der Euthanasie abzielen. Diese Befürworter verdanken Karl Binding einige ihrer schockierenden Argumente. Seit 1920 sprach sich dieser Jurist für die Freigabe zur "Zerstörung einer Existenz" aus, die als "lebensunwert" definiert wird.6

Die Befürworter der Euthanasie sind deshalb das Echo der Abtreibungsbefürworter. Die Geschichtsschreiber werden Mühe haben, herauszufinden, welches Lager zuerst da war, um das andere zu beeinflussen. In dem Fall, wo es den Eltern erlaubt ist, ihre Kinder zu eliminieren, kann man nicht einsehen, warum man den Kindern das Recht auf Beseitigung ihrer Eltern verweigern sollte - immer "unter gewissen vom Gesetz her definierten Bedingungen."

In den beiden in Erwägung gezogenen Fällen hängt das Recht auf Leben von der eventuellen Feststellung somatischer Qualitätsmerkmale ab. Diese Kriterien sind vom Gesetzgeber voluntaristisch definiert und von Personen bestätigt, die nicht im geringsten Zweifel an ihrem "Recht" hegen, über das Leben anderer Menschen zu verfügen. Kurz, wenn sich diese Kriterien bewahrheiten, verschwindet rückwirkend das Recht auf Leben.7

Es versteht sich von selbst, daß die vorgehenden Beobachtungen hinsichtlich der Abtreibung und Euthanasie sich auch auf zahlreiche andere ähnliche Fälle anwenden lassen. Beschränken wir uns auf einige Beispiele: die Embryonenforschung, Spendung der Fortpflanzungszellen, die präimplantorische Diagnostik, die pränatale Diagnostik, die Biologie und die prädikative Medizin usw.8

Niederlage der Regime, Überleben der Ideologien

Die totalitären Regime, die das XX. Jahrhundert überschattet haben, sind zerschlagen: der Faschismus und der Nazismus durch Waffen; der Kommunismus durch Implosion. Aber die Niederlage der Regime bedeutet keinesweg die Entfernung der Ideologien, von denen sie inspiriert wurden.

Der Marxismus überlebte zum Beispiel in den westlichen angelsächsischen Gesellschaften unter dem Etikett der feministischen Ideologie "gender". Es handelt sich um eine Wiederholung des von Engels inspirierten Klassenkampfes. Während Marx der Meinung war, daß der Prototyp des Klassenkampfes die Gegenüberstellung der Meister und der Proletarier war, gab sein ergebener Kollaborateur vor, den Prototyp dieses Kampfes in der Unterdrückung der Frau durch den Mann zu finden, was sich - gemäß seiner Auffassung - in der monogamen Familie bewahrheitet. Trotz der Implosion des kommunistischen Sovietregimes wird diese neue Lektüre des Klassenkampfes verbreitet und ganz besonders seit der Pekinger Konferenz 1995 durch die radikalen Feministinnen, die sich auf die "gender"-Ideologie berufen.9

Dasselbe geschah mit dem Nazismus. Er hat die Euthanasie, die Sterilisation, den Völkermord heruntergespielt. Die Ärzte, die die Programme ausführten, sind im Nürnbergerprozeß wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden.10 Indessen praktizieren heute zahlreiche Mediziner, die den Nationen angehören, die gegen den Nazismus gekämpft haben, nicht nur die Abtreibung und die Euthanasie, sondern sie organisieren unter anderem eine massenweise Sterilisation der armen Bevölkerungen.11

Das schlimmste ist, daß die liberale Tradition, die die Geschichte der westlichen Demokratien genährt hat, sich am Ende von den totalitären Ideologien unterminieren läßt, gegen die sie sich regelmäßig erhoben hat. Sie macht sich mehr und mehr eine "Ethik der Verantwortung" zu eigen, nach der der politisch Verantwortliche nichts und vor niemandem etwas zu entscheiden hat, als vor sich selbst.12

Es ist daher leicht verständlich, daß der Liberalismus zu neuen Formen der Tyrannei führen kann. Durch die Verherrlichung der Freiheit des Individuums und seine totale Autonomie engagiert sich der zeitgenössische Liberalismus seltsamerweise in einem perversen Prozeß, der zur Folge hat, daß die Unterdrückung des Schwächsten durch den Stärkeren zunächst zu dulden und schließlich zu "rechtfertigen" ist.

Es handelt sich darum, in der ersten Zeit die natürliche Selektion des liberalen Wirtschafts-Pastors Malthus zu respektieren, die durch Darwin verbreitet und von Galton, dem Ideologen der künstlichen Selektion, des Eugenismus, radikalisiert wurde. Indessen hatte dieser perverse Prozeß im zweiten Abschnitt die Folge, daß der zeitgenössischen Liberalismus seine Adhäsion zu den großen Erklärungen der Menschenrechte einfror. Einmal nahm man Zuflucht zu semantischem Vokabular, das ihren Inhalt verstellt wiedergibt; ein anderes Mal erstickte man diese Erklärungen unter Schein-Charten, die den Sinn entkräften. Diese erklärten Rechte wurden als aus der Natur der Sache kommend betrachtet: in diesem Fall also vom Menschen aus. Von nun an können sie nur durch beidseitige Willenserklärung rechtswirksam aus einer Prozedur hervorgehen, bei deren Abschluß die Individuen sorgfältig auf ihre respektiven Meinungen achten und punktuelle Entscheidungen treffen, die nicht bindend sind. Aus dieser Prozedur heraus ist allgemein das Recht entstanden.13

Man stellt fest, daß die liberale Tradition Gefahr läuft, ihrer Identität beraubt und bei einem Schlüsselpunkt vollkommen unerwartet einer marxistischen Reinterpretation unterworfen zu werden. Das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erarbeitete neue Gesundheitsparadigma betrachtet die Gesundheit als ein Produkt unter anderen, das man kauft oder nicht, je nachdem, ob die Patienten zahlungsfähig sind oder nicht. Die Gesundheit ist den Gesetzen der liberalen Wirtschaft untergeordnet, und die Gesundheitspolitik läßt das Bemühen um die Solidarität fallen. Die Krankheiten werden unter dem Gesichtspunkt verschiedener utilitaristischer Kriterien behandelt: Möglichkeit der Heilung, nachfolgende Invalidität, Zahlungsfähigkeit der Patienten und der Nationen, deren Nationalität sie besitzen. Der Vorrang der Forschungen vollzieht sich unter den gleichen Kriterien. Da die mit Aids infizierten Patienten im allgemeinen zahlungsfähiger sind als die an Malaria erkrankten, wird man die Aidsforschung bevorzugen, trotzdem die Zahl der Malaria-Kranken viel höher ist als die, der an Aids leiden. Dieser Logik entspricht es auch, daß besonders bei Zuckerkranken zunächst ihre Zahlungsfähigkeit in Betracht gezogen wird, um nach einer Kosten-Nutzen-Rechnung vorzugehen und möglicherweise die Euthanasie in Betracht zu ziehen.14

Man wird es schon bemerkt haben: dieses "neue Paradigma", diese "neue medizinische Ethik" ist von ihrer Inspiration her radakal neoliberal. Sie offenbart den gegenwärtig vom Marxismus ausgeübten Einfluß auf den zeitgenössischen Liberalismus. Heute ist ein neuer Klassenkampf zwischen den Menschen und den Gesellschaften entbrannt. Bei diesem Kampf geht es um die Gesundheit und das Überleben. Der sich selbst pervertierende zeitgenössische Liberalismus erzeugt einen neuen Organismus, nach dem die Individuen und besonders die Gesellschaften versorgt und überleben können, insoweit sie in dem schonungslosen globalen Lauf nützlich sind.

Der Liberalismus hat sich als Opfer der Salamitaktik von dem wertvollsten Element seiner Tradition Scheibchen für Scheibchen berauben lassen: Der Achtung vor allen Menschen. Die westlichen Demokratien gehen allmählich zugrunde, weil sie auf Gerechtigkeit in der Wahrheit verzichtet haben- auch die Entscheidungen von allergrößter Wichtigkeit werden seit dem mittels eines konsensuellen Prozesses getroffen. Also sanktioniert, was Tocqueville die "Tyrannei der Mehrheit" nannte und man heute Grund hat, als die "Tyrannei des Konsens" zu bezeichnen. Die Gesetze sind der Widerschein dieses Kompromisses, der immer wieder in Frage gestellt wird, des Abwägens der Interessen, des Feilschens, wo sich die Kräfteverhältnisse messen.

Zum Glück kann der so abgedriftete Liberalismus aufgebessert werden.15 Dazu muß er in der Hauptsache auf seine Quellen zurückgehen, sie neu beleben, um der Bioethik die Grundlagen zu bieten, die sie vor den Gefahren schützt, die sie bedrohen und manchmal schon vergiftet haben.

Es ist daher dringend erforderlich, zu einer realistischen Position, der klassischen Charakteristik des Liberalismus, zurückzukehren, der berücksichtigt, daß der Mensch sich konstatiert und sich zuerst in seinem Leib konstatiert.16 Der Mensch ist eine Größe, die sich durch seine eigene Realität aufdrängt. So wie man nicht beweist, daß die Nase mitten im Gesicht ist und nicht beweist, daß der Mensch existiert; so nimmt man davon Kenntnis. Und man zieht daraus die politischen und rechtlichen Konsequenzen.

Eine Ethik ohne Moral?

Man könnte die Anfänge der Bioethik erforschen und die Leitfäden festhalten, die die jüngste Geschichte unterstreichen. Unter diesen Anhaltspunkten würde gut plaziert die hormonale Kontrazeption in Erscheinung treten, die bald von Versuchsballons gefolgt auf die die Liberalisierung der Abtreibung zielt. Dann begeistern die Entdeckungen; die "Fortschritte" überschlagen sich, sie haben Exponentialfunktion.

Ehe der Gebrauch des magischen Wortes "Bioethik" zum Gemeinplatz wurde, handelten die Moralisten ersten Rangen nach den Grundsätzen der traditionellen Moral und ihrer Anwendung im biomedizinischen Bereich. Sie berücksichtigten die objektiven moralischen Normen, die Werte, die die angeborenen und universellen Menschrechte dem Menschen auferlegen. Sie erkannten, daß das menschliche Leben eine erste Größe ist, daß der Körper einer menschlichen Person nicht verfügbar ist. Sie gaben der Bioethik einen Sinn in zweifacher Hinsicht: Bedeutung und Zukunft. Obgleich diese Bioethik oft "personalistich" genannt wurde, so hätte man sie auch "realistisch" bezeichnen können, weil sie von der Feststellung des menschlichen Wesens ausging und sich vor den ihr inneliegenden Rechten verneigte. Wie dem auch sei, diese Bioethik ist zum Glück in Europa sehr lebendig, besonders in Italien wie auch in mehreren Ländern Latein-Amerikas, unter denen an erster Stelle Mexiko rangiert.17

Man kann beobachten, daß es neben der Bioethik, die wir gerade kurz zusammengefaßt haben, noch eine andere gibt, die viele Fragen aufwirft und zu tiefer Besorgnis Anlaß gibt. Die Bezugnahme auf die hyppokratische und judeo-christliche Moral wird in dieser Bioethik schnell abgestumpft und sogar herabgestuft. Sie wird als "veraltet", "unpassend", "fortschrittsfeindlich" erklärt: "das neue Paradigma" verpflichtet! Man gibt vor, daß diese Bezugspunkte die Forscher einschüchtern; ihre Freiheit schikanieren und ihre Forschungen hemmen. Deshalb ergreift man seitdem das alte Lied: "Vorbei und vergangen, machen wir reinen Tisch!"- Schnell getan, gut gemacht. Die Welt der biomedizinischen Wissenschaft hat sich von ihrer Moral verabschiedet und mußte sich auf die Suche nach einer Ethik begeben.

Die verfahrensmäßige Ethik, die von der fundamentalen Option und dem Proportionalismus gestützt wird, taucht plötzlich zum richtigen Zeitpunkt auf, um die gerade verordnete moralische Leere auszufüllen.18 Die Menschen in den Laboratorien und die Mediziner benötigten eine Legitimation zur Unterstützung ihrer Experimente. Verschiedene Legitimationen wurden ihnen von den Bioethikern geboten.

Einige, wie Levinas, haben sich schon um eine Moral ohne Metaphysik bemüht. Die Bioethik geht auf diesem Weg weiter und will eine Ethik ohne Moral und ohne Anthropologie. Sie ist eines der Unterprodukte der tiefen moralischen Krise, die der Papst Johannes-Paul II in seiner Enzyklika Veritatis Splendor (1993) analysiert.19 Die Massenmedien bliesen die Trompeten: die Geburt einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, vollkommen neu, vollkommen autonom und endlich befreit. Weder verboten noch besonders verordnet. Die Übertretung selbst mußte honoriert werden, weil sie die verzweifelte Suche des Konsenses nährte. Der Wissenschaftler ist nicht mehr der Moral unterworfen, denn von nun an muß die Moral sich den wissenschaftlichen Errungenschaften anpassen. Gleich im Anschluß danach müssen Juristen oder Gesetzgeber neutralisiert und sogar für ihre Zwecke eingespannt werden. Das Recht muß gedrängt und aufgefordert werden, die Pratiken zu billigen und die Mißbräuche zu entschuldigen.

Der Schritt war daher klar: man dachte, daß die gewagtesten Versuche, die provozierendsten Übertretungen auf das moralische Prinzip zurückgehen würden, um es seiner Existenzberechtigung zu berauben und seines Inhalts zu entleeren.

In dem Maße wie jede objektive moralische Norm abgelehnt wird, erscheint die Bioethik wie der letzte Avatar der Wissenschaftsgläubigkeit. Wie jede Wissenschaftsgläubigkeit, die auf sich hält, verurteilt sie selbst dazu, immer im Rückstand zu sein und demzufolge auch immer dem Sieg nachzujagen, denn die Experimente und die Überschreitungen gehen stets den Legitimationen voraus, um den der bioethische Eifer sich drängt.

Das Lieben wieder erlernen

Die Bioethik gibt oft Anlaß zu ermüdenden oder kasuistischen Auseinandersetzungen, die meisten enden damit, das wahre tieferliegende Problem zu verdunkeln. Weil am Schluß sich alles auf die entscheidende Frage zusammenfassen läßt: Sind wir in der Lage die grundlegen den Menschenrechte allen Menschen zuzuerkennen?20 Von der Antwort - implizit oder explizit - auf diese Frage hängt die Qualität unserer Gesellschaft ab.

Wenn auch die biomedizinische Wissenschaft über mehr und mehr leistungsfähige Mittel verfügt, um die Existenz eines Menschen zu erkennen, so ist dieses menschliche Wesen doch am Anfang, im Laufe und am Ende seines biologischen Lebens in Gefahr. Diese Situation hat etwas Paradoxes und Erschreckendes an sich, denn das 20. Jahrhundert ist der Schauplatz der schrecklichsten totalitären Erfahrungen in der Geschichte gewesen. Die Ursachen der Schutzlosigkeit des Menschen sind komplex, aber man muß sie zuerst unerschrocken in den Strömungen suchen, die diese unheilvollen Experimente inspiriert haben und die die totalitären Regime überlebten, die diese Strömungen hervorgerufen haben.

Dem muß man einen integralen Relativismus hinzufügen, der in seiner Wirkung durch eine Prise Zynismus verstärkt wird.

Viele geben ihre Überzeugungen auf oder lehnen jede Überzeugung ab; viele tun so, als wüßten sie nicht, daß die Geschichte der Demokratie mit der Geschichte der allgemeinen Menschrechte zusammenfällt. Die Suche des Konsenses zieht sich durch die Verhandlungen, in deren Verlauf die anwesenden Parteien sich einer Artihmetik der Interessen hingeben, ohne das Unglück zu ermessen, daß sie herbeilocken, noch die Tränen, die sie verursachen. In diesem Jahr feiern wir den fünfzigsten Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte (1948). Die Menschen sind immer weniger geneigt, die Menschrechte und ihren universellen Einfluß anzuerkennen. Diese Erklärung ist vielen Gefahren ausgesetzt.21

Die Menschen haben es verlernt, sich zu lieben. das ist das Herz des Dramas. Männer und Frauen sind von ihren elementarsten Rechten ausgeschlossen, oder diese Rechten werden der geopraphischen, sozialen oder rassischen Zugehörigkeit angepaßt. Einmal mehr werden die Gesetze in der Geschichte zu Instrumenten einer neuen Barbarei.

Wir begrüßen die Verurteilung der vor fünfzig Jahren gegen die Menschlichkeit begangenen Verbrechen, aber wir sind blind und taub für die Verirrungen und Schrecken der heutigen Gesellschaft. Wir verabscheuen mit recht die tausendfachen Abtreibungen, die unlängst in Skandinavien ausgeführt wurden und benehmen uns wie der Vogel Strauß angesichts der millionenfachen Fälle, die sich heute in den armen Ländern nachweislich ereignen.22

Jeder Tag liefert uns die Bestätigung und Illustration der Schlußfolgerung Milgrams. Wir sind gehalten, uns der stärksten Autorität zu unterwerfen, die Macht, Autorität, Geld und Wissen hat. Es ist sehr bequem, uns dein Gesetz zu unterwerfen, weil das Gesetz dem Staat, der Staat der UNO unterworfen und diese die Majestät UNO ist. Wir lassen uns durch die offenkundigen Machtmißbräuche einschüchtern, um am Ende der freiwilligen Knechtschaft zuzustimmen.23

Auch in Frankreich, dem Land, wie man sagt, der Menschenrechte und des weltweiten Leuchtfeuers der Demokratie ist es "politisch unkorrekt" sogar gefährlich das Gesetz der Legalisierung der Abtreibung in Frage zu stellen. Die senile und an Amnesie leidende Europäische Union bereitet sich vor, eine neue Schlacht gegen das Leben zu gewinnen: "Die Legalisierung der Euthanasie".

Daher ist es dringend erforderlich, daß sich eine allgemeine weltweite Front bildet, die alle zur Verfügung stehenden Kräfte zusammenschließt, um das menschliche Leben zu fördern. In dieser Zeit der Globalisierung, muß die Bioethik, um überleben zu können, die Normen einer objektiven Moral wiederaufnehmen und ganz besonders das Gebot "Du sollst nicht töten" beachten. Sie muß das Spektrum ihrer Besorgnis erweitern einschließlich der Überprüfung der nationalen und internationalen Politik, die das menschliche Leben betrifft.

Der Augenblick ist nun gekommen, um einige Fragen zu stellen. Zum Beispiel diese hier: Hat es einen Sinn eine totale Autonomie zu verlangen und zu glauben, man könnte einen Konsens erreichen? Genügt eine Kasuistik ohne Bezug auf irgendeine objektive Norm, um die in den Kommissionen getroffenen Entscheidungen zu rechtfertigen?

Grundlegender noch: erkennt man nicht unter dem Warenzeichen Bioethik die Konturen einer ideologischen Neuverfilmung? Ist die soeben untersuchte Bioethik nicht eine Irreführung, die die Rechtfertigung der Optionen für die Forschung, die Investitionen und/oder politischen Programme verbirgt, die alle nach einer Arithmetik aller möglichen Interessen definiert ist? Ist sie nicht allzu oft eine zeitgenössische Schlußfolgerung der Ideologien, die früher und heute versucht haben, das Überleben des Stärksten, die Selektion, die Diskriminierung, den Eugenismus zu legitimieren? Bereits in der Dritten Welt haben die Bioethik-Kommissionen der Abtreibung und Massensterilisation zugestimmt. Ihr Entwicklungsbeitrag nimmt Formen der Gewalt an, die sie gegen diese Armen ausüben. Warum stimmen die Kommissionen in Europa, die von der gleichen bioethischen Kasuistik inspiriert sind, nicht der "milden Gewalt" der Euthanasie zu, um die Kassen der Kranken- und Sozialversicherungen zu sanieren und die Fonds der Altersversorgung zu entlasten? Hinter einer gewissen Bioethik verbirgt sich eine unerbittliche Ideologie, die die Gewalt rehabilitiert. Nachdem wir die Moral phagozytiert haben, verzaubert diese Bioethik das Recht und schlägt es in seinen Bann. Kurz gesagt, kommt nicht durch den hier aufgezeigten Winkelzug der Bioethik die schwerste Bedrohung, die heute die Menschenrechte belasten?

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  1. Wir haben diese Frage in "L'Enjeu politique de l'avortement" analysiert. Paris, Ed. L'Oeil, 1991.
  2. Das diesbezügliche Nachschlagewerk ist unter der Leitung von Joël Benoît d'ONORIO "Le respect de la vie en droit francais", Paris, Ed. Pierre Téqui, 1997 publiziert worden; s. ebenfalls das Werk "Bioéthique et Population, Paris, Ed. Le Sarment-Fayard, 1994, besonders die Fragen 3 und 61.
  3. Eines der Hauptwerke über das Recht des Kindes auf das Leben ist von Pieter Willem Smits, "The Right to Life of the Unborn Child" in International Documents, Decisions and Opinions, Rijksuniversiteit te Leiden, Schoma Druk, Bedum, 1992, ISBN 90-5294-046-0.
  4. Diese These behandelte André ROSTENNE in "L'enfant à naître, Gegenstand des Rechts", veröffentlicht in La Libre Belgique (Brüssel) 21. Dezember 1989.
  5. Wir begegnen diesem Problem in "L'Evangile face au désordre mondial", Paris, Ed. Fayard 1997, s.S 182.
  6. Das Werk von Binding, in der Öffentlichkeit und selbst bei Juristen leider wenig bekannt, ist eine wichtige Grundlage, um die gegenwärtige Diskussionen, um das Lebensrecht zu verstehen. (Damnatio memoriae) Das deutsche Original dieses Werkes ist praktisch unauffindbar; eine amerikanische Übersetzung ist verfügbar: Karl Binding und Alfred Hoche, "Permitting the Destruction of Unworthy Life"; in Issues in Law and Medecine, B. 2, Nr 8, Frühjahr 1992 Reprint Series, PO. Box 1586, Terre Haute, IN, SS. 231-26.
  7. Diese Punkte wurden von Gérard Mémeteau in "La définition de la personne par la loi" vertieft, erschienen in JIB/Ethique, Nr. 1-2, 1997, SS. 39-54. Wir folgen hier genau dem Professor aus Poitiers, dem wir "Vie biologique et personnalité juridique" verdanken, erschienen in Journée René Savatier, 1993, Faculté de Droit de Poitiers, Paris, PUF, 1994, SS. 21-56.
  8. Die meisten dieser Probleme sind in "Identità e statuto dell'embrone umano" behandelt, mehrsprachiger Band, Zusatz zu Nr. 4, von 1989 der Revue Medicina e Morale, Università Cattolica del Sacro Cuore, Facoltà di Medicina e Chirurgia A. Gemelli.
  9. Wir haben ein Kapitel der "La coalition idéologique du genre" in L'Evangile face au désordre mondial" gewidmet, SS. 35-49.
  10. Die Prozeßakten sind von Alexader Mitscherlich und Fred Mielke, "Medizin ohne Menschlichkeit" veröffentlicht worden. Dokumente des Nürnberger Ärtzeprozesses, Frankfurt (M.). Fischer Bücherei, 1989. Der fünfzigste Gedenktag dieses Prozesses wie auch die fünfzigste Jahrestag des Kriegsverbrecherprozesses sind mit Stillschweigen übergangen worden.
  11. Über "Le péril de 1'ultranazisme" siehe unser Werk "La dérive totalitaire du libéralisme", Paris, Ed. Mame, 1995, passim und besonders SS. 267-270.
  12. Hier erkennt man die Anspielung auf "Die Ethik der Verantwortung", dargestellt durch Max Weber in "Le savant et le politique", Paris, Ed. 10/18 Nr. 134, 1959m cf. SS. 172-175, Diese Ethik wir in "L'Evangile face au désordre mondial", S. 76 s. dargelegt.
  13. Wir zitieren besonders das Werk von John Rawls, "A Theory of Justice"; Oxford University Press, London und New York, 1972; verschiedene spätere Ausgaben und Übersetzungen. Diese Themen werden in "L'Evangile face au désordre mondial" behandelt, SS. 77S, wie auch in dem Buch "Bioéthique et Population", Frage 61.
  14. Wir haben "Le nouveau paradigme de la santé" der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in allen Einzelheiten in "L'Evangile face au désordre mondial", SS. 51-78 überprüft.
  15. Wir haben in "La dérive totalitaire du libéralisme" gezeigt, zu welchem Preis der Liberalismus gebessert werden kann.
  16. Mit Fug und Recht bestätigt Gérard Mémeteau diese objektive Feststellung so oft; siehe oben Nr. 7; ebenfalls "L'embryon législatif" in Recueil Dalloz Sirey, 44. Cahier Chirurgie, Paris, 1994, SS. 355-363.
  17. Man muß hier die Plonierwerke von Elio Sgreccia begrüßen, die zu seinem meisterhaften Manuale di Bioetica geführt haben, Mailand, Ed. Vita e Pensiero, 1988 und 1994, wurde ins Spanische übersetzt unter dem Titelmanuale de Bioética, Mexico DF Ed. Diana, 1996, 688 S., ISBN 968-13-2920-1. Desgleichen Dionigi Tettamanzi, Bioetica. Nuove frontiere per l'uomo, Ed. Casale Monferrato, 1990. Verweisen auf zwei Fachzeitschriften: Medicina e Morale, zweimonatliche Erscheinungart, herausgegeben von Centro de Bioetica de la Facultà di Medicina della Università cattolica del Sacro Cuore, Largo Franescco Vito, 1, I-00168 Rom; Cuadernos de Bioética, dreimonatlich erscheinende Zeitschrift, herausgegeben von Grupo de lnvestigaciôn en Bioética de Galicia, Apartado 933, E-15080 Santiago de Compostela. Diese letzte Revue hat eine bemerkenswerte Nummer herausgegeben, die sich mit à El comienzo de la vida humana befaßt: Etica, Biología Derecho, in der Ausgabe B. VIII, Nr. 31, 3a, 1997.
  18. Die fundamentale Option ist die totale autonome Entscheidung, durch die die Person ihr Leben durch Einzelakte in den stets wechselnden Situationen bestimmt. Eine Handlung, die immer unter besonderen Umständen auftritt, muß nach ihrer Konformität mit der grundlegenden Option beurteilt werden. Der Proportionalismus rechnet das Verhältnis zwischen den Vorteilen und den Unannehmlichkeiten einer Handlung; die "gute" Handlung ist diejenige, die sich durch die größten Vorteile rechnet. In den beiden hier vorgestellten Konzeptionen, gibt es weder Verbote noch Verpflichtungen. Die Person ist vollkommen autonom: sie kann ihre grundlegende Option bilden und nur nach dieser handeln, ohne auf absolute moralische Normen zu achten noch auf eine universelle Moral. Diese beiden Konzeptionen, die viel der kantianischen Tradition verdanken, sind besonders von den Theologen: K Rahner, J. Fuchs, F. Böckle usw. entwickelt worden. Die Enzyklika Veritatis Splendor (cf. Note 19) bringt das Notwendige auf den Punkt, s. besonders die Nr. 65-70.
  19. Der Text dieser Enzyklika kann in der Documentation catholique Nr. 2081, Oktober 1993, S-901-944 nachgelesen werden.
  20. Diese ist die entscheidende Frage, die von G. Mémeteau in "La définition de la personne..." zitiert supra unter der Nr. 7 untersucht wurde.
  21. In "L'Evangile face au désordre mondial" haben wir ein Kapitel den "Gefahren für die Menschenrechte" gewidmet, S. 97-123.
  22. Diese und viele andere Fälle sind in den speziellen Studien, wie die von Stephan Trombley "The Right to Reproduce. A History of Coercive Sterilization", London, Ed. Weidenfeld und Nicolson, "Sterilization of People with Mental Disabilities. Issues, Perspectives and Cases", Westport, Connecticut et Londres 1995. Wir haben diese Fragen ausreichend in "La dérive totalitaire du libéralisme" und in "L'Evangile face au désordre mondial" behandelt.
  23. Man erkennt die Anspielungen auf Etienne de la Boétie in "Le Discours de la servitude volontaire", Paris, Ed. Payot, 1976 aowie auf Stanley Milgran "Soumission à l'autorité. Un point de vue expérimental", Paris, Ed. Calmann-Lévy, 1984.

 

HLI Info Magazin für Leben & Familie

Redaktion: Johannes Zander

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