Ist eine Persönlichkeitsspaltung beim Arzt vorstellbar?

In der hypokratischen Sicht ist es Aufgabe des Arztes, heilend einzugreifen. Dieser Akt an sich ist aber nicht immer ohne Nebenfolgen. So kann ein chirurgischer Eingriff zwar das Leben des Patienten retten, eventuell aber auch einen vorher gesunden Teil des Körpers zerstören. Auch Medikamente haben oftmals unerwünschte Nebenwirkungen. Der Arzt laviert somit immer im Abwägen zwischen dem angestrebten Ziel und unbeabsichtigten Nebeneffekten.

Einer der bekanntesten Kenner der Nazi-Medizin, R.J. Lifton, zitiert hierzu den Arzt und Auschwitzhäftling Dr. Miklos Nyiszii: "Unter all den Kriminellen und Mördern ist der gefährlichste Typus der des kriminellen Arztes", und begründet dies mit den Worten: "Die besondere Gefahr des Arztes liegt offenbar - so können wir zusammenfassend sagen - in seiner Fähigkeit, auf eine Weise zu doppeln (das Selbst in zwei unabhängig voneinander funktionierende Ganzheiten zu teilen, die beide als das ganze Selbst auftreten und für es handeln können) die seinem Töter-Selbst gerade dann ungewöhnliche Macht verleiht, wenn er sich mit dem Heiligenschein medizinischer Reinheit umgibt".1 Ein solcher Arzt stellt mithin seine medizinisch-wissenschaftlichen Spezialkenntnisse "guten Gewissens" in den Dienst des Todes.

________________________________________________________

  1. S. Robert Jay Lifton, Ärzte im Dritten Reich, Stuttgart 1988, S. 550f.

blint.gif (141 octets) Next page.

blint.gif (141 octets) Back to "Die Vollstrecker: Ärzte und Richter".

blint.gif (141 octets) Back to "Inhaltsverzeichnis".