Heißt Toleranz nicht, daß alle Meinungen zu achten sind, also auch jene, die der Abtreibung und Euthanasie das Wort reden?

a) Die in der Neuzeit entstandenen demokratischen Gesellschaften sowie deren Vorläufer wie etwa die schweizerische Demokratie beziehen sich ausnahmslos auf die universelle Geltung der Menschenrechte. Daraus erwuchsen dann die positiven Vorschriften, die diese Rechte garantieren sollen. Das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf Eigentum ist zwar Gegenstand variabler Gesetzesbestimmungen, die aber allesamt stets prinzipiell den Schutz dieser Rechte zum Gegenstand haben. Für den Pluralismus gilt dasselbe wie für die Toleranz: Immer muß er im Rahmen der Achtung der Grundrechte des Menschen stehen. Somit wird deutlich, was unter politischer Toleranz zu verstehen ist: Sie ist nichts anderes als die Anerkennung und die Achtung der Person. Insoweit ist der moderne Staat politisch tolerant und pluralistisch.

b) Gegen diese Toleranz verstoßen alle, die auf legalem Wege das jedem Menschen zustehende Grundrecht des Lebens teilweise außer Kraft setzen und sich folglich das "Recht" anmaßen, über Sein oder Nichtsein von Ungeborenen und sogenannten "Nutzlosen" zu bestimmen.

c) So wird heute in einem seltsamen Paradox namens einer doktrinären Toleranz oder eines doktrinären Pluralismus gegen die politische Toleranz verstoßen. Kraft ersterer gibt es nur noch eine reine "prozedurale" Ethik unter dem Vorwand, sämtliche Meinungen seien "gleichermaßen achtbar". Setzt sich die Auffassung durch, wonach bestimmte "Menschenkategorien nicht lebenswürdig" sind, dann dürfen die einer solchen - mehrheitlich definierten - Kategorie zugewiesenen Menschen mit Fug und Recht beseitigt werden.

d) Diese Konzeption der doktrinären Toleranz oder des doktrinären Pluralismus bedeutet daher, daß in einer bestimmten Gesellschaft die zivile Toleranz kraft der doktrinären Toleranz geächtet wird.

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