Wie läßt sich die Konsequenzlosigkeit erklären, daß heute eine Praxis legalisiert wird, die gestern als unrechtmäßig verurteilt worden ist?

Die zuvor analysierte Inkonsequenz ist dramatisch, zeigt sie doch, daß gewisse Kreise die ganze Bösartigkeit des Nazismus nicht erkannt haben. Deshalb steht das Tor zum Ultra-Nazismus weit offen. Darunter verstehen wir einen Nazismus im Endzustand, der weltweit ist und sich in Praktiken, Gesetzen, Institutionen, ja sogar in der Ethik niederschlägt, aber weder einen "brüllenden Führer" noch eine folternde Gestapo braucht, um sich durchzusetzen.

a) Man hat übersehen, daß diese Bösartigkeit nicht in erster Linie dem Nazi-Regime oder den Nazi-Anhängern innewohnte, sondern seinem ideologischen Wesen. Man vergaß, daß das ureigene Wesen des Nazismus in seiner totalitären Natur bestand, welche auf dem totalen Willen einiger weniger beruhte und diesem Willen, das Ich zu zerstören, physisch ebenso wie psychisch, eine pseudo-moralische, gesetzliche Grundlage gab. Der Nazismus ist der Wirklichkeit gewordene Wille zu töten.

b) Trotz aller lautstarken Dementis ihrer Verfechter sind die Strömungen, die die Abtreibung legalisierten, nunmehr dabei, die Euthanasie zu legalisieren; sie gehören objektiv in dieselbe Tradition und vollenden gar noch ihre Perversion, denn sie gehen noch über den Nazismus hinaus. Die Tötung ist nämlich nicht mehr nur ein "Recht", das die Gesellschaft über jene ausüben darf, deren Leben sie für nicht lebenswert erachtet, sondern geradezu eine "Pflicht" der Gesellschaft, die dafür zu sorgen hat, daß alle hingerichtet werden, deren Leben nicht lebenswert ist, damit sie "in Würde" sterben.

Zu der Rechtsauffassung der Gesellschaft, die gleichwie der Nazismus jene Wesen tötet, deren Leben nicht lebenswert ist, tritt also noch eine weitere, für den Liberalismus typische hinzu, wonach das Individuum das (übrigens nirgends geschriebene und nirgends definierte) Recht habe, "in Würde zu sterben". In dieser Hinsicht ist es bezeichnend, daß eine bedeutende Vertreterin und Vorreiterin des militanten Malthusianismus und der aktiven genetischen Selektion, Frau Margaret Sanger, nicht nur eine Verehrerin des Führers war, sondern heute noch als Gründerin der pro-Abtreibungsliga IPPF in Ehren gehalten wird.

Der 1883 in New York geborenen Margaret Sanger verdankt man den Begriff "Birth Control". Nach einem ersten Engagement bei intellektuellen Sozialisten wurde sie mehr und mehr durch anarchistische und feministische Kämpfer des frühen 20. Jahrhunderts beeinflußt. Schon in frühen Jahren plädierte sie für die "freiwillige Mutterschaft" und für den absoluten Vorrang der sexuellen Befriedigung als Grundlage zu Alternativen zur Ehe. Bald wurde sie eine führende Vordenkerin der Eugenik. Es gelte, so ihre Argumentation, das Wachstum der "human weeds" (des menschlichen Unkrauts...) zu bremsen. Mitglieder der von ihr geleiteten Bewegung der Birth Control durften nur "weiße, protestantische, in den USA geborene Bürger mit überdurchschnittlichem Einkommen und überdurchschnittlicher Bildung" sein. Eine der Hauptthesen lautete, daß "die Wohltätigkeit der Gesellschaft das natürliche Gleichgewicht verkehrt hat, indem jene Menschen am Leben bleiben, die durch natürliche Selektion schon lange verschwunden wären. Ferner: "Die gesunden Menschen sollen sich mehr fortpflanzen, die schwächeren sich enthalten - das ist der Zweck der Geburtenkontrolle"1, und: "Die Geburtenkontrolle wird die Schaffung einer reinen Rasse begünstigen".2

Weiter schreibt Frau Sanger: "Die finanzielle Bürde jener unerwünschten Elemente [der Schwächeren der Gesellschaft] müssen die gesunden Elemente der Nation tragen. Die Mittel, die zur Erhöhung unseres Lebensstandards beitragen könnten, werden somit für die Erhaltung jener verwendet, die nie hätten geboren werden dürfen.

1936 begegnete Margaret Sanger bei der American Eugenics Society führenden Eugenikern aus Deutschland und bewunderte "die Art und Weise, wie die Deutschen ihre Rassenprobleme dadurch lösen, daß sie die als für eine Elternschaft untauglich angesehenen Personen sterilisieren". In der von ihr herausgegebenen Zeitschrift kamen mehr und mehr Eugeniker der Nazi-Ideologie zu Wort, so zum Beispiel H. Laughlin, Urheber von Hitlers Gesetz für engenische Sterilisierungen und 1936 Ehrendoktor der Universität Heidelberg.

Mit dem Zweiten Weltkrieg nahmen die USA offiziell Abstand von den eugenischen Thesen. Dennoch blieb American Birth Control aktiv und suchte "subtilere und demokratischere Wege", um gewisse Bevölkerungsgruppen (speziell die Farbigen) weiterhin gezielt zu reduzieren und zu sterilisieren.

Heute ist die "International Planned Parenthood Federation" (IPPF), deren Mitbegründerin Frau Sanger ist, nicht nur salonfähig, sondern die weltweit größte nichtstaatliche Organisation nach dem Roten Kreuz und führend in der weltweiten Bevölkerungspolitik. Die Kairoer Bevölkerungs-Konferenz von 1994 stand faktisch unter IPPF-Führung. In der Haupthalle des Kairoer Konferenzgebäudes war unter anderem das Institut Margaret Sanger mit einem Stand vertreten - das schien niemanden zu besorgen.

c) In beiden genannten Fällen wird ungeachtet aller ideologischen Verbrämung die Tötung durch das Gesetz sanktioniert und ihre Ausführung dem ärztlichen Personal übertragen. Kurz gesagt legitimiert hier das Gesetz den ärztlichen Totschlag.

d) Es liegt in derselben Logik, daß ein Staat, der den Eltern das "Recht" einräumt, ihre Kinder zu töten, bald auch den Kindern das "Recht" einräumt, ihre Eltern zu töten.

In allen Fällen muß das Gesetz dazu herhalten, die "Medikalisierung" des Totschlags zu "legitimieren".

e) Dieses totalitäre Bündnis von Lüge und Gewalt hat André Frossard unerbittlich gebrandmarkt: "Der Lügner weiß, daß er lügt, der Verbrecher verheimlicht oder leugnet sein Verbrechen, aber die jede Menschlichkeit aufs diabolischste verhöhnenden politischen Systeme glauben sich gehalten, ihrer Schändlichkeit das Mäntelchen der Gerechtigkeit umhängen zu sollen und jedesmal "Recht zu plärren, wenn sie es verletzen."3

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  1. Birth Control Review, Bd. 3, Nr. 5, Mai 1919.

  2. Ebda., Bd. 5, Nr. 11, November 1921.

  3. Vgl. André Frossard, Défense du Pape, Paris, Ed. Fayard, 1993.

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